Alle drei Jahre verändert sich Nassereith. Nicht lautlos, nicht schleichend – sondern mit Wucht. Am 1. Februar 2026 war es wieder so weit: Das Schellerlaufen zog durch das Dorf und mit ihm ein Brauch, der sich nicht erklären lässt, sondern erlebt werden muss.
Schon früh am Morgen liegt eine besondere Spannung in der Luft. Man spürt, dass dieser Tag anders ist. Die Straßen füllen sich langsam, Gespräche werden leiser, Blicke erwartungsvoll. Wenn dann die ersten Schellen erklingen, ist klar: Jetzt gibt es kein Zurück mehr – jetzt übernimmt die Tradition.
Ein Brauch mit jahrhundertealter Bedeutung
Das Nassereither Schellerlaufen zählt zu den ältesten Fasnachtsbräuchen Tirols. Seine Wurzeln reichen weit zurück und stehen sinnbildlich für den Übergang vom Winter zum Frühling. Mit Lärm, Masken und festgelegten Rollen sollen der Winter und alles Dunkle vertrieben werden, um Platz für neues Leben zu schaffen.
Bis heute wird dieser Brauch mit großer Ernsthaftigkeit gepflegt. Nichts geschieht zufällig, jede Figur hat ihren festen Platz und ihre klare Aufgabe. Dass das Schellerlaufen Teil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes ist, fühlt sich hier vollkommen richtig an – weil diese Tradition nicht bewahrt, sondern gelebt wird.
Die Figuren – Ordnung, Kraft und kontrolliertes Chaos
Im Mittelpunkt des Nassereither Schellerlaufens stehen die Roller und Scheller. Sie geben den Rhythmus vor und tragen das Herz des Brauchs.
Die Roller bewegen sich ruhig und gleichmäßig durch das Dorf. Ihre kleineren Schellen erzeugen einen helleren, rhythmischen Klang. Ihr Lauf wirkt fast würdevoll, kontrolliert und präzise. Die kunstvoll geschnitzten Masken mit ihren ruhigen Gesichtszügen verleihen ihnen eine stolze, beinahe erhabene Ausstrahlung. Sie stehen für Ordnung und Harmonie.
Ganz anders die Scheller. Mit ihren großen, schweren Schellen und kraftvollen Bewegungen bringen sie eine enorme Präsenz ins Spiel. Ihr Lauf ist anstrengend, intensiv und laut. Der tiefe Klang der Schellen ist nicht nur hörbar, sondern körperlich spürbar – er vibriert durch das Dorf und durch die Menschen. Die Scheller verkörpern rohe Energie und Durchsetzungskraft.
Eine besondere Rolle nehmen die Kehrer ein. Sie tragen Besen und sorgen symbolisch für Ordnung. Ihr Auftrag ist es, den Weg freizumachen, das Chaos zu kontrollieren und den Lauf zu strukturieren. Sie wirken unscheinbarer als Roller und Scheller, sind aber unverzichtbar – ohne sie würde das Gleichgewicht verloren gehen.
Die Spritzer bringen Bewegung, Unruhe und Interaktion ins Geschehen. Mit ihren Spritzen sorgen sie für Überraschungsmomente, suchen bewusst den Kontakt zur Menge und brechen die klare Linie des Zuges auf. Sie stehen für Ausgelassenheit und Lebendigkeit und sorgen immer wieder für spontane Reaktionen.
Zu den markantesten und eindrucksvollsten Figuren der Schellergruppe zählen ohne Zweifel die Sackner. Schon ihre Erscheinung wirkt einschüchternd: groß von Gestalt, mit einer wild verzerrten Altweiberfratze als Maske und einer Kappe aus Wolle oder Fell auf dem Kopf. Nichts an ihnen ist zufällig – jede Komponente verstärkt ihre Präsenz. In der Hand trägt der Sackner einen runden Sack, gefüllt mit Wolle oder Sägemehl. Er ist kein Schmuck, sondern Werkzeug. Mit ihm verschafft sich der Sackner Platz – und Respekt. Sein Auftreten ist direkt, körperlich und unmissverständlich. Man weicht instinktiv zurück.
Mitten im Geschehen
Das Schellerlaufen lässt sich nicht aus der Distanz erleben. Man steht mittendrin, wird Teil des Rhythmus, weicht aus, bleibt stehen, geht weiter. Die Schellen hallen zwischen den Häusern wider, der Boden scheint mitzuschwingen, und die Zeit verliert für ein paar Stunden ihre Bedeutung.
Masken ersetzen Gesichter, Rollen ersetzen Personen. Genau darin liegt die Kraft dieses Brauchs: Er erlaubt es, aus dem Alltag auszubrechen und für einen Moment Teil von etwas Größerem zu sein.
Ein Tag, der nachklingt
Das Nassereither Schellerlaufen 2026 war kein besonderes Jahr im Sinne von Überraschungen. Es war Schellerlaufen, wie es sein soll – so wie alle drei Jahre. Ehrlich, laut, anstrengend und tief verwurzelt.
Wenn am Abend wieder Ruhe einkehrt und der Klang der Schellen langsam verklingt, bleibt dieses Gefühl zurück, etwas Echtem beigewohnt zu haben. Einer Tradition, die nicht erklärt werden muss, weil man sie spürt.
Nassereith lebt diesen Brauch. Und an Tagen wie diesem darf man für eine Weile Teil davon sein.

Thauer Mullerlaufen

Nassereither Schellerlaufen 2026

Schleicherlaufen in Telfs

Das berühmte Wampelereiten – Fasnacht in Axams

Imster Schemenlaufen

















































Tolle Bilder, danke! Grüße aus Pettnau!
Vielen Dank 📷