Die Thaurer Fasnacht gehört zu den ältesten Bräuchen Tirols. Jedes Jahr ab Mitte Jänner versammelt sich das ganze Dorf, wenn die „Muller“ ihre Kostüme anlegen und mit wilden Tänzen den nahenden Frühling begrüßen. Dank dieser Traditionen konnte das Thaurer Mullerlaufen auch nach der Corona-Zwangspause 2022 (und tatsächlich acht Jahren Abstand zum letzten Lauf) wieder gefeiert werden.
Bereits am 15. Jänner (Patrozinium des Hl. Romedius) werden die Krippen eingelagert und die Fasnachtsgewänder vom Speicher geholt. Ab dem 16. Jänner herrscht bis zum Unsinnigen Donnerstag Fasnachtsstimmung: Zu fast jeder Tageszeit sind nun Hexen, Zottler, Spiegeltuxer & Co. in den Stuben und Sälen von Thaur zu sehen. Der Ablauf beim Mullerlaufen folgt dabei festen Regeln: Zuerst erklingt der Thaurer Mullerwalzer, dann stürmen klappernde Wintergestalten wie Hexen herein, gefolgt von den holzsplitternden Klötzlern. Anschließend treten „weiße“ Figuren auf – der Weiße Mann, der Melcher und schließlich der prachtvolle Spiegeltuxer – die den Boden mit lebhaften Plattlern und Sprüngen erfüllen. Zum Abschluss segnen die Mullerläufer das Publikum mit einem Schulterklopfen und einem Schnäpschen – dem traditionellen Abmullen als Fruchtbarkeitszauber.
Der Hintergrund des Brauchtums reicht weit zurück. Zeugnisse aus dem Mittelalter zeigen, dass Fasnacht schon damals fester Bestandteil des Jahresablaufs war. Volkskundler betonen, dass Fasching lange Zeit als Phase des ausgelassenen Tanzens und Musizierens vor der Fastenzeit galt. Auch Thaur hat diese uralte Tradition nie ganz verloren: In historischen Aufzeichnungen wird etwa um 1500 berichtet, wie Dorfbewohner sich vom Bezirksrichter die Maskenerlaubnis einholen mussten – mit der Ermahnung „aber keinen Unfug“ zu treiben. Bis heute gilt im Dorf das Motto: Winter verjagen und Frühling feiern. Wie ein Volkslied sagt: Je heftiger die Fasnacht, desto fruchtbarer das Jahr.
Der Spiegeltuxer ist das Aushängeschild der Thaurer Fasnacht: mit über einem Meter hohem Kopfschmuck, Hunderten von Spiegeln, Federn und Goldstickereien zieht er alle Blicke auf sich. Frühjahrsfiguren wie der Weiße Mann, der Melcher und der Spiegeltuxer symbolisieren Lebensfreude und Erneuerung. Der Weiße tritt in weißer Tracht mit farbigen Quasten auf und hüpft über seinen Ulrichsstecken, den er über und zurück springen lässt. Auch der Melcher, traditionell mit kurzen Lederhosen und V-Muster-Gewand, tanzt munter im Takt des „Mullerwalzers“. Höhepunkt ist stets der Spiegeltuxer (auch Altartuxer genannt): Sein schwerer Kopfschmuck mit großem viereckigem Spiegel, farbenfrohen Bändern, Glasperlen und Talerkette macht ihn unverkennbar. Die Mullerläufer glauben, dass die Spiegel im Kopfschmuck den Dämonen des Winters das eigene Antlitz vor Augen halten – ein Sinnbild dafür, dass der kalte Geist des Winters sich durch den Glanz des Frühlings besiegt sieht.
Gegenläufig dazu stehen die Herbst- und Winterfiguren: Zaggeler, Fleckler und Zottler. Sie tragen dunkle, zottige Kostüme mit Fransen und Fellbesatz und tanzen zu donnerndem Rhythmus. Der Zaggeler etwa hat ein blaues Gewand mit rund hundert bunten Quasten („Zaggelen“), vielen Glocken und etwa einhundert Hahnenfedern im Busch seines Huts. Mancher Zaggeler offenbart sogar einen Spiegel im Hut – die gleiche Symbolik, mit der die Winterdämonen schließlich in die Flucht geschlagen werden sollen. Der Fleckler ähnelt dem Zaggeler, ist aber noch bunter gefleckt und trägt statt Kaninchenfell einen Fuchsschweif am Hut.
Der Zaggeler (mit blauem Gewand und Hunderten farbiger Quasten) steht für den stürmischen Herbst. Ihm folgen der Zottler (unten) mit seiner wild gefransten Jacke und der Frosch, den der Zottler tanzt. Am wildesten ist der Zottler: Sein Gewand schillert in bunten, von Kartoffelsäcken geschnittenen Fransen; auf dem Kopf trägt er einen gelben Filzhut mit kleiner Bommel (Stulp). Zu ungestümer Trommelmusik wirft sich der Zottler in den Kreis. Sein berühmtester Tanz, der “Frosch”, besteht darin, dass er sich bäuchlings auf den Boden wirft und ruckartig wieder hochspringt. Der Überlieferung nach springt ein Mutiger – oft ein Melcher oder Spiegeltuxer – auf den sackartigen Ranzen des am Boden liegenden Zottlers: Dann gilt der Winter endgültig als besiegt.
Von den Wintergestalten ganz zu schweigen sind die Hexen und der Bär. Die schwarzen Hexenkostüme mit Lumpenrock, Buckel und Besen verkörpern den letzten Atemzug des Winters. Sie naschen Süßes aus Umhängetaschen für Kinder oder schenken Schnaps den Erwachsenen – ein schelmisches Grüßen der Gäste. Der Bär schließlich steht traditionell für die durchziehenden Gaukler mit Tanzbär. In Thaur zieht eine Gruppe mit braun-weißen Kunstbären auf, begleitet von einem Treiber, der mit den Worten „Bärele, tanze!“ die Figur zum Beinstellen und Herumtollen animiert. Auch dieser Brauch spielt auf die uralte Idee an, mit raubeiniger Gestalt den Winter zu bannen.
Einzigartig ist in Thaur zudem der Krameter – eine fast 45 kg schwere Gestalt aus frischem Wacholderreisig. Frauen flechten duftende Juniper-Zweige über einen alten Eisenbahn- oder Postmann-Anzug zu einem dicken, dornigen Kostüm, das an einen grünen Tannenbaum erinnert. Mit dem langen Wacholderbesen in der Hand führt der Krameter den Festzug an und „räumt Platz“, indem er die Leute am Wegesrand zurückdrängt. So können sich die anderen Muller auf der Straße entfalten. Nach einigen Tagen wird das schwere Grün abgeworfen – das Holz wird braun und kleidet den Platz in herbstliche Farben, bis der nächste Krameter vier Jahre später wieder erwacht.
Dank dieser Traditionen konnte das Thaurer Mullerlaufen auch nach der Corona-Zwangspause 2022 (und tatsächlich acht Jahren Abstand zum letzten Lauf) wieder gefeiert werden. Am 8. Februar 2026 waren über 600 Teilnehmer in ihren prächtigen Trachten unterwegs. Die Tiroler Tageszeitung zählte mehr als 10.000 Besucher, die bei strahlendem Sonnenschein den winterlichen Dämonen demonstrativ den Garaus machten. Rund um den Ort wehten Hunderte von Fähnchen und die Gondeln des Stubaitals schweben über dem bunten Treiben – ein Bild, das ich als Fotograf nicht so schnell vergessen werde.
Meine Eindrücke
Als Fotograf war ich beeindruckt von der Farbenpracht und Lebensfreude, die aus den Larven und Gewändern strömte. Der Krameter roch nach frischem Nadelwald, der Spiegeltuxer blitzte im Sonnenschein, die Zaggeler-Fransen flogen rhythmisch mit. Die Stimmung war ausgelassen: Kinder rannten den Hexen hinterher, Faschingsmusik dröhnte und jeder Fotoschuss brachte neue Lacher oder gespannte Gesichter. Kein Wunder, dass Thaur stolz verkündet: Nach so langer Pause ist das Mullerlaufen umso wertvoller und lebendiger denn je – ein echter Höhepunkt der Tiroler Fasnacht.

Thauer Mullerlaufen

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So genial mit den Masken !!
Gruselige Gestalten und top Fotos!
Interessanter Einblick in eine der bekanntesten Tiroler Traditionen.